StaffelmomentAnna Seidel - eine Kufenspitze schneller. Foto: DESG-Presse/HuggerKann man einen Vorsprung von einer Kufenspitze am Ende eines 3000-m-Staffelrennens planen? Offenbar ja. Denn Anna Seidel schob den zarten Fuß auf der Zielgerade vor ihre russische Rivalin. Und damit war das Unerwartete geschehen. Das Damen-Team, bei der EM gar nicht zum Relay angetreten – und auch in Sotschi nicht am Start, qualifizierte sich für das Halbfinale. „Das war der Plan“ so Bianca Walter, die als vorbildliche Teamworkerin teilweise eine halbe Runde mehr absolvieren musste. Anna sollte sich ganz kurz erholen – und dann alles geben. Dabei schien der Kontakt zum Team Russia eigentlich zu groß. „Aber Anna kann zwei so schnelle Runden laufen“, wusste Bundestrainer Miroslav Boyadzhiev. Die 16-Jährige jedoch glaubte selbst nicht mehr an den Coup, zog sich indes magistral heran und ließ die Fans jubeln. Die ebenfalls 16-jährige Gina Jacobs als Neuling gestand vor allem „Aufregung“, ließ aber nie wirklich abreißen. Tina Grassow bestätigte ihren Formaufstieg. Doch dann beendete Boyadazhiev flugs die Jubelarien. „Es liegt noch ein sehr weiter Weg vor uns.“

  

Wenig vorher versuchte ‚Schubi‘ das  Malheur bei den Herren schnellstmöglich abzuhaken. „Ich gehe jetzt joggen“, meinte Christoph Schubert – nach dem Penalty in der Weltcupstaffel für die DESG-Vertretung. Es hatte gut ausgesehen im Vorlauf gegen Kanada, Italien und Belgien: Platz 2 und damit das Viertelfinale schienen in greifbarer Nähe. Dann der Angriff der Azzurri, Schubi hielt dagegen, zog wieder zurück „und dann ist er über meine Kufen gefahren.“ Das führte zum Penalty für die deutsche Staffel, Italien zog in die nächste Runde ein. Was lange  Diskussionen in den Katakomben der EnergieVerbund Arena auslöste. Man hätte die Südeuropäer ins Viertelfinale  „aufsteigen“ lassen können, aber das Quartett von Bundestrainer Boyadzhiev (Hannes & Torsten Kröger, Jonas Kaufmann-Ludwig, Schubert)  nicht disqualifizieren müssen, so die fast einheitliche Meinung. Schubert: „Aber so ist der Sport. Das nächste Mal geht es für uns aus.“

Die gute Stimmung am ersten Tag des Dresdner Weltcups tat das kaum Abbruch. Die deutsche Mannschaft hatte Mut besessen und gefightet. Diese Erkenntnis ist wichtig für den Trainer – und die nächsten Ziele (Weltcupfinale in der Türkei, WM in Moskau). In den Vorläufen gegen die internationale Elite musste das junge deutsche Aufgebot auch Lehrgeld bezahlen. Tina Grassow lief in ihrem Rennen einen Deutschen Rekord über 500 Meter (44,138 Sekunden) – schied aber dennoch aus. Die 26-jährige Dresdnerin pendelt derzeit zwischen Studium (Sportwissenschaft mit Lehramt) in Leipzig und dem Training an der Elbe. Da wird häufig die Zeit knapp, aber sie will den Kufen noch treu bleiben, „auch wenn ich nun an meine Zukunft denken muss.“ Die letzte Saison mit den geplatzten olympischen Träumen („das hat schon für eine gewisse Demut gesorgt“) sollte nicht als Schlusspunkt hinter ihrer Karriere stehen. „Ich will nochmals 100 Prozent geben.“ Andere Athletinnen würden die duale Schiene auch bewältigen.

Zu den Gästen in der Arena zählte der neue DESG-Sportdirektor Robert Bartko. Der Event-Charakter der Disziplin Short Track imponiert ihm – aber abseits der Beobachter-Rolle auf der Tribüne läuft ihm fast die Zeit davon. Gespräche, Besprechungen, Verpflichtungen. Auch in Dresden kniet sich Bartko voll rein.

„Genua-Tief“ nennen die Meteorologen eine Wettererscheinung, die in den Dolomiten oft Sorgen verbreitet. Von Süden her rücken dann Niederschläge in Richtung der Alpen. Erst Regen, später Schnee, die einer Freiluftbahn den Garaus machen können. Am Samstag und Sonntag bittet das oberhalb von Bozen gelegene Klobenstein zum Weltcup der Junioren. Seit Wochenbeginn trainieren die zehn Nachwuchssportler der DESG auf der offenen Bahn, 2011 Ausrichter der Allround-EM der Elite. Der Blick auf die umliegenden Berge ist absolut atemberaubend, aber nur, wenn die tiefhängenden Wolken eine Sicht ermöglichen. Die gemütliche Südtiroler Atmosphäre gefällt sowieso – und dennoch wird vor allem übers Wetter diskutiert.

Moritz on IceMoritz zurück auf dem Eis.

Fast ein dreiviertel Jahr ist es her, dass Moritz Geisreiter auf dem Eis stand. Umso mehr freut es ihn, dass jetzt endlich wieder Einheiten mit den langen Kanten anstehen.

Dabei sah es lange Zeit eher kritisch aus. Die Rückenverletzung – schon im Olympiawinter ein Handicap – ließ keine Saisonvorbereitung zu. Reha hieß das Zauberwort über Monate. Jetzt empfindet der Inzeller „große Erleichterung, weil ich mir nicht sicher war, ob es noch mal klappt.“ Keine einfache Zeit für den Langstrecken-Spezialisten: „Was da im Kopf passiert, ist schon heftig.“ Gedanken an Rücktritt? „Nein. Ich wusste immer, dass ich weiter machen will. Die Frage war: lässt der Körper es zu?“

Team EM Allround 1Eisskulpturen pflastern ihren Weg... Foto: TeamDie „Ural-Blitz-Arena“ hatte Arbeiter-Eis zu bieten. Ein Untergrund, der den EM-Mehrkämpfern auf vier verschiedenen Strecken, über insgesamt 10 km (Damen) 17 km (Herren), alles abforderte. Entsprechend sah man hinterher völlig platte Athleten, die alles gegeben hatten. Und das nach ellenlangen Anreisen bis hinter den Ural – und dem Horror vor dem Rück-Transfer. Das DESG-Team beispielsweise verlässt Chelyabinsk am Montagmorgen um 5.55 Uhr: einen Tag retour aus dem sibirischen Kühlschrank, wo monumentale Eisskulpturen entlang der Fußgängerzonen typisch sind. Co-Bundestrainer Helge Jasch brachte Fotos als Erinnerung mit.

Isi FlowersIsabell mit Siegerstrauss - so soll es wieder sein. Foto: DESG/Hugger

Der kleinen deutschen Eisschnelllauf-Delegation fiel am südlichen Ural, wo Europa und Asien aufeinandertreffen, zuerst die Herzlichkeit der Menschen auf. Überall ein Lächeln, auch bei den „Machern“ der Mehrkampf-Europameisterschaften am Samstag und Sonntag. Und viel Engagement, um die Titelkämpfe in Chelyabinsk zu einem Renner zu machen. Schon seit Weihnachten sind alle Tickets in der Uralskya Molniya-Halle ausverkauft. Und schon im November 2011 hatten sich die DESG-Skater - beim Weltcup-Auftakt (Platz 3 für Claudia Pechstein und Jenny Wolf) – wohl gefühlt in der neuntgrößten Stadt Russlands. Gutes Eis, schöne Halle, feines Essen.

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